
Wie man in einer unfreundlichen Welt gut miteinander umgeht
Der Umgangston wird immer rauer, und viele von uns leiden darunter. Wir scheinen zu verlernen, wie man sich kooperativ verhält. Dabei ist angesichts all unserer gesellschaftlichen Herausforderungen nichts wichtiger, als miteinander auszukommen. Doch wie bringt man mehr Freundlichkeit in eine Welt, in der uns permanent das Gegenteil vorgelebt wird? Kommunikationstrainer René Borbonus gibt Tipps für ein freundlicheres Miteinander.
Kein Tag vergeht ohne ein Dutzend Headlines, die suggerieren: Wer die Ellbogen ausfährt, fährt besser in dieser Welt. Lange etablierte Regeln über den Haufen werfen, sich mit jedem anlegen, der eine andere Meinung hat, die Nöte und Bedürfnisse anderer ignorieren, als hätten sie keine Rechte: So scheint man gut durchs Leben und weit nach oben auf der Erfolgsleiter zu kommen.
Allerdings, und das verraten die Schlagzeilen und Insta-Storys uns eben nicht, immer nur kurzfristig – wenn überhaupt. Mit dem Kopf durch die Wand zu leben, muss man sich leisten können, denn diese Strategie hat ein Verfallsdatum. Wer seinen Umgang mit anderen auf seine kurzfristigen Interessen ausrichtet, wird eine wichtige Lektion irgendwann auf die harte Tour lernen: Glück und Zufriedenheit beruhen langfristig auf gelingenden Beziehungen, nicht auf schneller Bedürfniserfüllung.
Wer gut mit anderen umgeht, lebt besser.
Freundlichkeit ist nicht nur schön, sondern auch klug
Freundlichkeit kann dafür sorgen, dass auch andere uns eher so behandeln, wie wir es uns erhoffen. Sie kann uns helfen, Menschen zu erreichen und zu bekommen, was wir uns wünschen. Gleichzeitig kann sie reduzieren, was wir schwer aushalten: Frechheiten und Übergriffigkeiten zum Beispiel.
Freundlich lebt es sich aber nicht nur leichter, sondern auch gesünder. Durch freundliche Handlungen wird ein Hormoncocktail von Glücklichmachern ausgeschüttet: Oxytocin, Serotonin und Dopamin heben unsere Stimmung, erhöhen Belohnungsreize und reduzieren Stress.
Freundlichkeit hat deshalb eine Reihe von gesundheitsfördernden Effekten: niedrigeren Blutdruck, ein höheres Selbstwertgefühl, geringeres Stressempfinden und sogar eine höhere Lebenserwartung.
Von der Haltung zur Methode
Es ist wichtig, zwischen einer freundlichen Haltung und freundlichem Verhalten zu unterscheiden. Freundlich eingestellt zu sein ist die Voraussetzung dafür, dass wir von anderen als freundlicher Mensch betrachtet werden können. Doch das, was unser Umfeld konkret wahrnimmt, passiert erst auf der Verhaltensebene.
Dieses freundliche Verhalten ist nicht darauf beschränkt, was wir tatsächlich sagen. Es bezieht unseren gesamten Umgang mit anderen ein.
Achtsam mit der Zeit anderer umzugehen wird zum Beispiel als extrem freundlich wahrgenommen. Wenn ich weiß, dass jemand es eilig hat, kann ich darauf achten, dass ich mich kurzfasse.
Auch die Form von Kommunikation drückt eine freundliche Haltung aus. Sprachnachrichten zum Beispiel mögen für den Absender praktischer sein, wenn man zum Beispiel gerade unterwegs ist. Für die Empfängerin ist das aber vielleicht ungünstig, weil sie die Nachricht gerade gar nicht abhören kann.
Man kann also schon freundlich sein, bevor es überhaupt ans Sprechen geht – und dafür reicht oft ein wenig Empathie.
Kommunikationsstrategien freundlicher Menschen
Das Gestaltungsmittel für gelingende Beziehungen ist Kommunikation. Es lohnt sich also, sich mit der eigenen Gesprächsführung auseinanderzusetzen. Freundlichkeit ist anspruchsvoll, aber nicht schwierig. Die folgenden drei Tipps für den Einstieg sind leicht umsetzbar und haben den zusätzlichen Vorteil, dass sie uns für das Spektrum der freundlichen Kommunikation sensibilisieren.
Reizworte meiden
Menschen fühlen sich unfreundlich behandelt, wenn sie Worte hören, die schlechte Gefühle bei ihnen auslösen. Dann übernimmt irgendeine irrationale Emotion wie Abscheu oder Wut, und schon ist es mit der sachlichen Diskussion vorbei. Wir verwenden in unserer Alltagssprache zum Beispiel sehr viel Kriegsvokabular – und das in einer Zeit, wo die Angst vor Krieg wächst. Wenn wir jemandem zum Beispiel ankündigen, dass wir „einen Anschlag vorhaben“, dürfen wir uns nicht wundern, wenn der sich angegriffen fühlt. Und wenn wir einen Einwand als „Nebenkriegsschauplatz“ abkanzeln, dann fühlt sich schon der Ausdruck feindselig an.
Verbindlichkeit herstellen
Verbindlichkeit bildet die Grundlage für Vertrauen – und damit auch für langfristige Beziehungen. Die Nulllinie der Verbindlichkeit ist es, Versprechen zu halten. Wenn wir Versprechen brechen, passiert das oft deshalb, weil wir viele Verpflichtungen ohne Not eingehen. Deshalb: lieber weniger versprechen, wenn wir uns nicht wirklich sicher sind. Auch Kontinuität gehört zur Verbindlichkeit, also: im Gespräch zu bleiben. Ein kurzes Lebenszeichen reicht meistens schon, damit andere sich beachtet fühlen. Auch aufrichtiges Interesse hat einen hohen Stellenwert bei der Verbindlichkeit. Wer interessierte Fragen stellt und wirklich zuhört, demonstriert anderen Wertschätzung.
Timing beachten
Viele Gespräche scheitern einfach daran, dass wir sie zum falschen Zeitpunkt führen. Wir nehmen uns oft selbst die Chance auf einen freundlichen Dialog, indem wir miteinander reden, wenn wir gar nicht die Kapazität dafür haben. Die Aussprache in der WG führt man besser in entspannter Runde, wenn alle gut gestimmt sind – nicht direkt vor einer wichtigen Prüfung, wenn die Nerven sowieso schon blank liegen. Reden ist Silber, Timing ist Gold.
Auf einen Blick: drei Tipps für einen freundlichen Umgang mit anderen
- Wer auf Reizworte verzichtet und Rücksicht darauf nimmt, was bei anderen Widerstände auslösen kann, wird als freundlich wahrgenommen.
- Sich verbindlich zu verhalten, indem man keine falschen Versprechen abgibt, den Kontakt hält und anderen aufrichtiges Interesse zeigt, stärkt Beziehungen.
- Gespräche zu einem günstigen Zeitpunkt zu führen, erhöht die Chancen auf einen freundlichen Dialog.
