
Von den Vorteilen positiver Debattenrhetorik
Pessimismus müssen wir Deutschen nicht üben. Die destruktiven Wortgefechte über wichtige Zukunftsthemen lassen daran keinen Zweifel. Ob Migration, Klimawandel oder KI: Wir bekommen alles kaputtgeredet – und müssen es am Ende ja doch durchziehen. Dabei schlägt schlechte Stimmung nicht nur auf den Magen, sondern auch auf die Ergebnisse. Positive Rhetorik ist fast immer die bessere Wahl. Warum machen wir es uns so schwer?
Es gibt viele Möglichkeiten, rhetorisch mit einer Krise umzugehen. Man kann die Situation ignorieren und weitermachen wie zuvor. Man kann jammern und Schuldzuweisungen in alle Richtungen verteilen. Man kann sich für verloren erklären und alles hinschmeißen. Man kann schönreden und das Beste hoffen oder schönreden und schon mal die Hintertür aufschließen.
Einfach mal positiv denken und darüber reden könnten wir natürlich auch – und die Forschung zeigt, dass man damit sowohl kurz- als auch langfristig besser fährt. Warum fällt uns das so schwer? Was hält uns davon ab, Herausforderungen positiv zu deuten? Schließlich gibt es keine steilere Lernkurve als die, die sich aus deiner Krise ableitet. Wenn Lösungen zu finden alternativlos ist, steigt die Stimmung gezwungenermaßen.
Warum Optimismus im Leben und in Debatten die bessere Wahl ist
Dass unser Gehirn negative Informationen aus evolutionären Gründen bevorzugt verarbeitet, ist hinreichend bekannt; unseren Vorfahren sicherte dieser Selektionsmodus das Überleben. Leider lässt sich auf diese Weise schwer Zukunft gestalten. Pessimisten gründen keine Unternehmen und setzen nicht alles auf Innovationen. Genau das aber brauchen wir gerade. Denn andere tun bereits, was wir uns noch nicht trauen: einfach mal auf neue Mobilitätsformen umstellen, statt sich noch ein paar Jahrzehnte zu weigern. Einfach mal eine neue Industrie aus dem Boden stampfen, statt der alten den Tropf zu halten. Einfach mal beobachten, was passiert, wenn man jüngeren Generationen Verantwortung überträgt – statt so zu tun, als kenne man das Ergebnis schon vorher.
Die gute Nachricht ist, dass Optimismus sich durchaus trainieren lässt – zum Beispiel, indem man sich bei aller Negativdröhnung in den Schlagzeilen auf das Positive fokussiert. Das ist nämlich immer auch da, wenn man es nur sehen will.
Genau hier kommt die Macht guter Worte ins Spiel, oder anders formuliert: die Kraft der positiven Rhetorik. Damit ist eine Kommunikationsform gemeint, die fragt, erörtert und argumentiert, anstatt zu konstatieren, auszuschließen und zu urteilen. Auch in schlechten Zeiten liegt der einzig konstruktive Fokus einer Debatte darin, zu betrachten, was man aus einer Situation machen kann – nicht darauf, sie zu bejammern. „Wir unterschätzen, wieviel Psychologie in der Zukunft steckt“, wurde Stefan Brandt in einem Handelsblatt-Beitrag zitiert – seinerseits Direktor des Futuriums Berlin, einer Art musealen Thinktanks für Zukunftstrends.1
Einer der bekanntesten Psychologen der Welt, der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, hat schon vor vielen Jahren auf den wichtigen Zusammenhang zwischen Erfolg und Optimismus hingewiesen. Er bezog sich dabei auf die höhere Resilienz von Optimisten im Angesicht von Krisen und Herausforderungen: „… Sie geben nicht so schnell auf. Das kann oft entscheidend sein. Wenn ich eine Fußballmannschaft unterstütze, dann möchte ich, dass sie glaubt, gewinnen zu können. Denn dann spielt sie besser.“2
Optimisten halten also länger durch, wenn es darauf ankommt. Wichtig ist das nicht nur, weil große Erfolge sich selten sofort einstellen – sondern auch deshalb, weil wir in Krisen optimistische Botschaften brauchen, die uns zum Weitermachen motivieren. Die großen Veränderungen, vor denen wir gerade stehen, sind allesamt Generationsthemen. Jammern ist gerade wirklich nicht das, was wir nötig haben. Es ist an der Zeit für Worte, die uns Mut machen, statt uns zu frustrieren.
Je größer die Herausforderung, desto wichtiger der Optimismus
Es ist ja wirklich nicht so, dass wir keine guten Erfahrungen mit Optimismus gemacht hätten. Historisch betrachtet haben wir unser größtes nationales Wunder, das Wirtschaftswunder nämlich, durch radikalen Optimismus im Moment der tiefsten Krise erlebt. Durch Anpacken, Aufbauen und Darüber-Reden. Mit und nach der friedlichen Revolution von 1989 ist uns ein ähnlicher Kraftakt ein weiteres Mal geglückt – eingeleitet von rhetorischen Bekundungen einer zutiefst zuversichtlichen, politischen Überzeugung. Wir werden bis heute international dafür bewundert, auch wenn wir uns intern noch immer in gegenseitiger Manöverkritik verlieren.
Wir können Wunder – auch unter schlechten Vorzeichen, wie nicht zuletzt unsere Fußballwunder beweisen. Wir haben es bewiesen, wiederholt. Warum reden wir angesichts der aktuellen Krisen alles schlecht, anstatt auch mal darüber? Schließlich ist es kein Geheimnis und gut erforscht, dass Erfolgserlebnisse die Selbstwirksamkeit steigern.
Warum scheint uns an der Schwelle eines neuen Zeitalters, bei dem genau diese Tugend des anpackenden Optimismus uns vielleicht mehr weiterhelfen könnte als je zuvor, der Optimismus ausgegangen zu sein? Warum knüppeln wir gerade jeden Vorschlag und jeden Zukunftsplan nieder, als hätte das irgendwann einmal funktioniert? Warum trauen wir unserer eigenen Courage nicht?
Es ist an der Zeit für Worte, die uns Mut machen, statt uns zu frustrieren.
1 Volker Kühn: „Warum Optimismus in Krisenzeiten unverzichtbar ist, Handelsblatt online, 08.11.2024, https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/optimismus-warum-op...
2 „Optimisten sind im Vorteil“, Interview mit Daniel Kahnemann, Spiegel online, 06.06.2012, https://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/psychologie-optimisten-sin...
