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René Borbonus

Reden ist Verantwortung

 

Wie man Menschen überzeugt, statt sie zu überreden

 

Die freie Rede kann viel bewirken. Jeder, der bei einem Referat schon einmal erlebt hat, wenn es im Auditorium klick macht, hat das erfahren. Das Reden ist ein mächtiges Werkzeug, das viele im Zuge ihrer akademischen Laufbahn kennen und schätzen lernen – und deshalb auch eines, mit dem es verantwortungsvoll umzugehen gilt. Je früher man als Redner auch das lernt, desto besser.

 

Manche begegnen „guten Rednern“ schon im Hörsaal mit einer gewissen Skepsis, und vor dieser Verallgemeinerung möchte ich warnen. Ein Rhetoriker, der etwas auf sich hält, ein Redner im aris­to­telischen Sinne, wird seine Redekompetenz nicht nutzen, um Menschen bewusst zu steuern. Er oder sie wird niemanden mit seinen Worten kontrollieren oder gar belügen. Die Kunst des Redners ist nicht das Manipulieren, sondern das Überzeugen.

 

Diese Feststellung ist wichtig, um eine klare Grenze zu ziehen, welche Phänomene in aktuellen Debatten man der Macht der Rhetorik zuschreiben kann und welche nicht. Populisten, autokratische Staatsoberhäupter und vergessliche Mandatsträger sind keine fehlgeleiteten Rhetoriker. Sie sind Populisten, auto­kratische Staatsoberhäupter und vergessliche Mandatsträger. Schon immer hatten „bad actors“ die Möglichkeit, Werkzeuge der Redekunst für ihre Zwecke zu missbrauchen. Doch dass sie reden, macht sie noch lange nicht zu Rhetorikern.

 

Die Baustellen, auf denen der gute Ruf der ­Rhetorik derzeit in Gefahr gerät, sind ganz andere. Als junge Akademiker können Sie sich gegen diese Tendenzen wenden – indem Sie nicht nur auf Ihrem Fachgebiet, sondern auch als Redner Verantwortung übernehmen.

 

Was den verantwortungsvollen Redner auszeichnet

Die zentrale Bedrohung für die Glaubwürdigkeit aller Experten, die sich öffentlich zu ihrem Thema äußern – also auch Sie, als Fachleute der Zukunft –, ist die Achtlosigkeit. Ein Tropfen kann reichen, um den ganzen Brunnen zu vergiften. Eine ungeprüfte Tatsache, ein unsauberes Zitat, eine falsch zitierte Studie können Ihre Glaubwürdigkeit zerstören. Wenn Sie schon einmal eine Referatsdiskussion erlebt ­haben, die wegen einer Kleinigkeit aus dem Ruder gelaufen ist, wissen Sie, was ich meine.

 

Abgesehen von der Faktentreue und der Prüfung aller Inhalte nach bestem Wissen: Wie können wir als Redner mit rheto­rischen Mitteln unseren Teil ­dazu beitragen, dass Debatten verantwortungsvoll geführt werden? Die Antwort ist so simpel wie komplex, denn sie dringt bis auf die Mikroebene jedes Vortrags vor: durch Sprachbewusstsein.

 

Viele Bilder sind tief in unserem Sprachgebrauch verankert – auch ohne, dass dabei immer eine konkrete Absicht im Spiel ­wäre. Wir verwenden Alltagsmetaphern, wenn wir über die „Informationsflut“ klagen, uns mehr „Schlagfertigkeit“ wünschen oder uns über „Rabeneltern“ in der S-Bahn aufregen. Wenn Menschen dieser Metaphorik im Gespräch unbewusst stattgeben, ist das schlimm genug. Doch wenn wir es als Redner tun, wenn wir vor anderen Menschen sprechen, ist es verantwortungslos.

 

Ein erster Schritt zu mehr Sprachbewusstsein ist: Worte und Bilder wörtlich nehmen. Ob ich zum Beispiel sage: „Ich bin im Marketing tätig“ oder „Ich bin für das Marketing verantwortlich“, ist ein großer Unterschied. Unsere Worte wirken – und als Redner darf uns nicht egal sein, wie.

 

Kompetenzwahrnehmung modellieren

Ich werde oft gefragt, wie man als Experte Kompetenzwahrnehmung modelliert, sich also auch ­außerhalb von Fachkreisen als seriöser Redner zu seinem Thema zu erkennen gibt. Tatsächlich ist diese Fähigkeit heute, wo es mehr selbsternannte ­Experten gibt als Fachgebiete, eine Kernkompetenz. Hier einige Tipps, wie man seine Expertise auch ­rhetorisch zur Geltung bringt.

 

1. Konkret sprechen. Wenn jemand weiß, wovon er redet, hat er konkrete Beweise in Form von ­Fakten parat und ist in der Lage, transparent zwischen Fakten und Meinung zu trennen. Ohne falsifizierbare Aussagen transportieren wir letztlich nur Behauptungen, und Menschen spüren das meist auch ohne Faktencheck.
 
2. Die Fakten in einen Kontext stellen. Was im Fachreferat vor anderen Experten keine große Bedeutung hat, wird außerhalb des akademischen Kontexts schon bald zur Reifeprüfung: Damit die Fakten bei den Zuhörern ihre Wirkung entfalten, müssen sie in ihre Lebenswelt übersetzt werden. Hierfür sind z. B. Metaphern und Analogien ideal, die einen Bezug zum Leben der Zuhörer haben. Gleichzeitig müssen sie allerdings auch themenzentriert sein und der Komplexität des Themas gerecht werden. Keine ­Effekthascherei!
 
3. Die eigene Kompetenz hinterfragen. Fachkompetenz ist durch nichts zu ersetzen. Gerade deshalb gilt es, sich die ­eigenen Grenzen zu vergegenwärtigen. Zur Verantwortung des Redners gehört, sich nur zu den Themen zu äußern, zu denen er etwas Substanzielles beizutragen hat. Und sonst: Klappe halten. Manchmal ist Schweigen verantwortungs­voller als Reden.
 
4. Differenziert argumentieren. Verantwortungsvolle Redner widerstehen der Versuchung durch einfache Wahrheiten und unzulässige Zuspitzungen. Die kurzfristige Wirkung darf nicht über der langfristigen Integrität des Experten stehen.
 
5. Den Respekt wahren. Ein Redner, der keine zweite Meinung gelten lässt, verliert auch schnell den Respekt des ­Publikums. Der ist nämlich keine Einbahnstraße: Kollegen, Konkurrenten, Andersdenkende zu diffamieren endet immer mit einem Eigentor. Der Respekt vor der Gegenthese ist ein wichtiges Kennzeichen verantwortungsvoller Rhetorik.

 

Botschaft über Ego

Als Redner in Ihrem Fachbereich stehen Sie ­zukünftig im Dienst der Menschen, zu denen Sie sprechen. Zu erkennen, dass man auch und gerade als redender Experte einer größeren Sache dient, hilft im Übrigen auch ganz ungemein bei einem sympathischen Auftreten. Nichts steht der persönlichen Wirkung von Rednern effektiver im Weg als das eigene Ego.

 

Die Botschaft, nicht der Selbstzweck, ist der Maßstab für die Worte, die wir wählen. Das ist unsere Verantwortung als Redner.

 

Kommen Sie gut an!

Ihr

René Borbonus


Kommunikation

Kommunikationstrainer und Buchautor Rene Borbonus und weitere Gastredakteure geben wertvolle Tipps rund um das Thema Kommunikation.


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