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Ein Karrieretipp von René Borbonus, Lesedauer: ca. 3 ½ Minuten

Schrille Post

Wie Ihre Botschaften verfälscht werden und wie Sie das verhindern

 

Jeder kennt den Stille-Post-Effekt: Von einer mündlich übermittelten Botschaft ist nach ein paar Wiederholungen nur noch Blödsinn übrig. Existiert dieses Phänomen wirklich? Leider ja, zeigt die Forschung. René Borbonus gibt Tipps, wie Sie sich dagegen wappnen.  

 

Wenn Sie es bisher schon manchmal schwierig fanden, mit Ihren Worten zu anderen durchzudringen – warten Sie ab, bis Sie diesen Beitrag gelesen haben. Schnell genug ist es passiert, dass unsere Worte beim anderen ganz anders ankommen, als wir es beabsichtigt hatten, weil wir uns nicht optimal ausgedrückt haben. Was aber, wenn das Gesagte unterwegs auch noch bis zur Unkenntlichkeit verhackstückt wird?

 

Wie dramatisch sich der Stille-Post-Effekt auswirken kann, haben Wissenschaftler*innen des Max-Planck-Instituts für ­Bildungsforschung mit einem Experiment nachgewiesen. Die Teilnehmer*innen der Studie lasen zunächst einen Text über die Nebenwirkungen von Triclosan – einer Chemikalie, die zum Beispiel in Zahnpasta und Waschmittel enthalten ist. Anschließend gab jede*r Teilnehmer*in mündlich an eine zweite Person weiter, was sie oder er aus dem Gelesenen gelernt hatte. Diese Proband*in sprach wiederum mit einer weiteren Teilnehmer*in und so weiter. Derselbe Ablauf wurde jeweils wiederholt, bis eine Kommuni­kationskette mit durchschnittlich zehn Gliedern erreicht war.

 

Experiment mit verblüffendem Ausgang: Der Stille-Post-Effekt ist real

Die Ergebnisse der Studie waren erschreckend. Die Gesprächsanalysen ergaben, dass der Großteil der im ersten Dialog erwähnten Einzelheiten bis zum zehnten Glied in der Kommunikationskette verlorenging. Doch damit nicht genug: Gleichzeitig wurden von den Teilnehmer*innen neue Details erfunden, die im ursprünglichen Gespräch (und dem Ausgangstext) überhaupt nicht vorkamen.

 

Ursprünglich wurden insgesamt 30 Informationseinheiten vermittelt. Schon in der zweiten Runde waren davon nur noch 13 übrig. Beim letzten Austausch in der Kette wurden schließlich nur noch drei der originalen Informationseinheiten wiederge­geben – und das in verfälschter Form. Das ist ungefähr so, als hätte ein*e Lehrer*in dreißig Kinder in ihrer oder seiner Klasse, könnte aber nur drei davon mit Namen ansprechen – und zwar mit dem falschen. 

 

Zudem betonten die Proband*innen der Studie eher die negativen Aspekte, wenn sie das Gehörte weitergaben, während sie die positiven eher in abgeschwächter Form kommunizierten.

 

Die Ergebnisse dieser Studie zeigen: Der Stille-Post-Effekt ist nicht nur real, sondern sehr effektiv. Und das Schlimmste daran ist, dass die Interpretationen, Motive und Wertungen anderer oft nur bedingt mit den ursprünglichen Aussagen zu tun haben.

5 Maßnahmen gegen den schleichenden Botschaftstod

Um dem Stille-Post-Effekt so weit wie möglich vorzubeugen, wollen Sie Ihre Botschaften möglichst unverfälscht und vollständig im Gedächtnis anderer verankern. Dabei helfen die folgenden fünf Maßnahmen wirkungsvoller Rhetorik. Alle sind auf die meisten Kommunikationsanlässe anwendbar – vom WG-Gespräch über die Seminar-Präsentation bis zum Social-Media-Post.

 

1. Nicht zu viel sagen: Je mehr Sie sagen, desto weniger klar wirken Sie. Das mag paradox klingen: 30 Argumente müssen doch mehr bewirken als drei? Leider ist das ein Trugschluss. Je mehr Sie argumentieren, desto mehr Widerstände bauen sich beim Anderen auf.

 

2. Anschaulich sprechen: Bildhafte Sprache und Vergleiche bleiben besser im Gedächtnis haften als trockene Fakten wie Zahlen oder Regeln. Das hängt mit der Arbeitsweise unseres Gehirns zusammen. Verpacken Sie Thesen oder Ideen, die die Runde machen sollen, deshalb in möglichst prägnante Metaphern oder Analogien.

 

3. Wertungsarm kommunizieren: Gerade bei heiklen Aussagen persönlicher oder politischer Natur wollen Sie keine Missverständnisse riskieren, die andere womöglich für ihre eigene Agenda nutzen. Wenn absehbar ist, dass das Gespräch den Raum verlassen wird: Beugen Sie vor, indem Sie selbst möglichst wertungsfrei kommunizieren. Beschränken Sie sich gerade bei kontroversen oder kritischen Aussagen so gut es geht auf Fakten und Beobachtungen, und verzichten Sie auf negative Wortwahl und Urteile.  

 

4. Aussagen spiegeln lassen: In meinen Trainings arbeite ich oft mit einem Werkzeug namens „Kontrollierter Dialog“. Vereinfacht dargestellt geht es dabei darum, dass die Gesprächspartner*innen bei einer Diskussion erst die Aussage ihres Vorredners wiedergeben müssen, bevor sie eigene Argumente anbringen dürfen. Für den Alltag lässt sich dieses Instrument in Kurzform adaptieren: Lassen Sie sich wichtige Aussagen von Ihrem Gegenüber noch einmal spiegeln, bevor Sie weiterreden oder das Gespräch beenden. So können Sie ggf. noch einmal nachjustieren – wohlwollend, nicht vorwurfsvoll! Auf diese Weise können Sie sicherstellen, dass Sie richtig verstanden wurden. Kleine Vorwarnung: Ziehen Sie sich warm an, denn bei dieser Schleife erleben Sie den Stille-Post-Effekt ersten Grades am eigenen Leib.

 

5. Aktiv zuhören: Zum Schluss noch ein Tipp, was Sie als Empfänger tun können, um nicht selbst beim Stille-Post-Effekt mitzuwirken. Denn dagegen ist keiner von uns immun. Jeder ist mal abgelenkt oder überfordert. Das beste Mittel gegen Verständnislücken ist aktives Zuhören. Suspendieren Sie innere Wider­stände und Wertungen möglichst vollständig, während andere sprechen. Hören Sie zu, um zu verstehen, anstatt sich bereits Erwiderungen zurechtzulegen. Stellen Sie interessierte Rückfragen, um ein tieferes Verständnis für die gesendeten Botschaften zu bekommen. Damit zeigen Sie dem anderen, dass er gehört wird.

 

Kommen Sie gut an!

Ihr René Borbonus

 

Quelle zur Studie: Mehdi Moussaid et al.: The amplification of risk in experimental diffusion chains. Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA 2015, online vor Print, DOI: 10.1073/pnas.1421.883112, zitiert nach: Eva-Maria Träger: Stille Post hat starke Wirkung, Psychologie heute 08/2015, S. 6


Kommunikation

Kommunikationstrainer und Buchautor Rene Borbonus und weitere Gastredakteure geben wertvolle Tipps rund um das Thema Kommunikation.

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