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Dieter L. Schmich

Networking entwickelt sich zum wichtigsten Sicherheitsfaktor

In einer veränderten Arbeitswelt sind berufliche Verbündete unabdingbar geworden

Netzwerke sind die Nachfolgemodelle der früheren Großfamilie. Noch vor hundert Jahren war es üblich, dass Paare fünf bis zehn Kinder zeugten. Setzt man voraus, dass zwei bis drei Generationen immer gleichzeitig am Leben waren, entstanden praktisch drei Netzwerkebenen, in denen sich die Anzahl der Familienmitglieder exponentiell erhöhten. Schnell entstand eine gewaltige Anzahl von verbundenen Personen. Wenn man nur annimmt, dass damals durchschnittlich nur fünf Kinder je Familie heirateten und wieder die gleiche Zahl an Nachkommen zeugten. Dann standen jedem Einzelnen schon allein vierzig Cousins und Cousinen zur Verfügung. Ganz zu schweigen von der gewaltigen Anzahl von Nichten, Neffen, Großcousinen, Großcousins, Tanten und Onkel, Großtanten, Großonkel, etc. Ob bei Altersschwäche, Krankheit, Vermögensverlust oder Wetterextreme, man konnte in der Not auf ein bereits bestehendes, natürlich gewachsenes Netzwerk zurückgreifen. Wurden dann noch berufliche Alternativen gesucht, konnte man sicher sein, dass irgendeiner der zig Cousins an der richtigen Stelle saß. Der Begriff „Vetternwirtschaft“ stammt noch aus dieser Zeit.

Es wird in Zukunft wohl in unseren eigenen Händen liegen, ob wir uns ausreichende Sicherheit verschaffen.

 

Das Sicherheitsmodell Großfamilie gibt es seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Mit einer Geburtenrate von ein bis zwei Kindern je Paar ist ein exponentiell wirkender Netzwerkeffekt nicht machbar. Gleichzeitig zollt eine globalisierte Welt ihren Tribut: Viele Menschen haben das Gefühl, drohenden Umbrüchen im Arbeitsleben, aber auch im Alltag hilflos ausgesetzt zu sein. Kürzere Anstellungszeiträume sind zur Normalität geworden. Zudem müssen Angestellte heute jederzeit damit rechnen, dass sein Brötchengeber in die Insolvenz geht, fusioniert oder an die Konkurrenz verkauft wird. Aber auch dann, wenn sich der eigene Arbeitgeber im Markt behaupten kann, wird man irgendwann von unangenehmen Rationalisierungsmaßnahmen betroffen sein. In solchen Fällen tut es gut, über berufliche Verbündete bei anderen Arbeitgebern zu verfügen.

 

Der Zusammenbruch der Sozialversicherungssysteme trägt sein Weiteres zur allgemeinen Unsicherheit bei. In wenigen Jahren wird das Gros der Gesellschaft aus Rentnern und Pensionären bestehen. Eine ausreichende staatliche Absicherung wird dann nicht mehr möglich sein. Aber auch das Anhäufen von Vermögen bringt keinen echten Schutz mit sich. In Zukunft werden wir uns wohl entscheiden müssen, ob wir entweder Staaten oder Banken pleitegehen lassen möchten. Wir haben nur die Wahl zwischen Pest oder Cholera. In beiden Fällen ist sich jeder darüber bewusst, was mit Sparguthaben oder dem Wert von Immobilienbesitz passieren wird.

 

Zu allem Unglück werden noch gewaltigere Kosten als bisher durch Wetterextreme auf uns zukommen. Wird flächendeckend privates Hab und Gut immer öfter beispielsweise durch Hagelschlag oder Dauerregen vernichtet, wird es keine ausreichenden staatlichen Entschädigungszahlungen mehr geben können. Dafür werden die benötigten Finanzmittel zu gewaltig sein.

 

Der Gesetzgeber und soziale Absicherungssysteme, die bisher die Schutzfunktion der ausgestorbenen Großfamilie übernommen hatten, sind an ihre Leistungsgrenzen angelangt. Der Nationalstaat, der sich um sein Volk kümmert, wird es in dieser Form nicht mehr geben können. Es wird in Zukunft wohl in unseren eigenen Händen liegen, ob wir uns ausreichende Sicherheit verschaffen. Es wird entscheidend sein, wie viel Kontakte, Bekannte und Freunde wir haben, die uns unter die Arme greifen, wenn es privat oder beruflich darauf ankommt.

Dieter L. Schmich, www.bewerbungs-center.com

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